Wann hast du realisiert, dass du Mama wirst? Mit dem Kinderwunsch? Mit dem positiven Schwangerschaftstest? Beim Shopping von Umstandsmoden und Babybodies? Bei oder nach der Geburt? Oder hast du es immernoch nicht realisiert?

Mama werden bedeutet Veränderung. Und Veränderung verläuft nie geradlinig. Es gibt Höhen und Tiefen, viele Abbiegungen zu wählen und verrückte Wendungen, mit denen man nicht rechnet. Es gibt so viel mehr als nur Schwangerschaft und Geburt, aber Mamas scheinen nie über die Reise zu sprechen, die eine Frau durchmacht, wenn sie Mama wird.

Für diese Reise gibt es inzwischen einen Begriff. Im Deutschen Matreszenz und im Englischen Matrescence. Der Begriff wurde schon 1973 von Dana Raphael, einer medizinischen Anthropologin, geprägt (von ihr stammt auch der Begriff “Doula”!).

Der Begriff Matrescence beschreibt den emotionalen, mentalen, physischen, sozialen und physiologischen Transformationsprozess, den eine Frau durchläuft, wenn sie Mutter wird. Es ist ein Weg, um die Identitätsveränderung zu beschreiben. Die Veränderung im Denken, Fühlen, Handeln und Sein, die passiert, wenn man merkt “… oh, ich bin jetzt wirklich eine Mama! Was bedeutet das?”

So, wo kommt der Begriff eigentlich her? Es gibt den ähnlichen klingenden Begriff ‘Adoleszenz’ (das ist der letzte Abschnitt des Jugendalters zwischen Pubertät und Erwachsenenalter). Beide Lebensabschnitte markieren also Phasen gravierender Veränderungen im Leben eines Menschen, Veränderungen, die letztendlich zu einer glücklicheren, gesünderen und reiferen Person führen können.

Ich kann dir dazu den TED-Talk von Alexandra Sacks nur empfehlen! Sie erzählt toll was Matrescence ist. Ich habe euch auf meinem YouTube Kanal eine Playlist zum Thema Matrescence angelegt!

Der Prozess der Schwangerschaft und der Geburt wird als der Beginn der Matrescence angesehen, aber sie dauert noch lange danach an. Für manche Frauen beginnt die Matrescence, wenn sie versuchen, schwanger zu werden. Viele sagen, dass dieser Übergang 10 Jahre andauern kann. Die Matrescence gilt als eine biologisch, sozial und hormonell bedingte Veränderung, die einen neuen Lebensabschnitt und eine völlig neue Identität einleitet.

Der Begriff und das Thema der Matrescence hat in der allgemeinen Bevölkerung noch nicht viel Aufmerksamkeit erlangt, aber wenn du schon Mama bist wirst du beim weiteren Lesen vielleicht feststellen, dass du einige Aspekte selbst erlebt hast und Parallelen erkennst.

Matrescence ist keine postpartale Depression!

Wenn wir Mamas mit dieser massiven Veränderung in unserem Leben und unserer Identität konfrontiert werden, haben wir oft schwierige Emotionen zu verarbeiten. Die Hormone pendeln sich ein, unser Körper passt sich an das Leben nach der Geburt an und zusätzlich gibt es eine Menge emotionaler Veränderungen zu bewältigen. Wir sitzen dann mit einem Baby auf dem Sofa und anstatt vor Glück überzuschäumen fangen wir an, uns gelangweilt, gereizt oder einsam zu fühlen. Und dann trifft die Erwartungshaltung an das Mama-Sein auf die Realität der Hier und Jetzt und es kann sich so anfühlen, als ob etwas (mit uns) nicht stimmt.

In der Schwangerschaft dachte ich immer, dass ich mich als Mama frei, fröhlich und glücklich fühlen würde. Ich habe mich sehr auf die Elternzeit gefreut, wollte sie und mein Baby genießen! Und ja, es gab diese tollen Gefühle der Liebe und des Friedens. 
Aber sehr oft hat mich die Sehnsucht nach meinem Leben ohne Baby gepackt. Ohne Kind hatte ich mehr Freiheit, mehr Autonomie. Ich habe sie schmerzhaft vermisst.

Manchmal können diese Momente der Unzufriedenheit dazu führen, dass Mütter glauben, sie hätten eine postpartale Depression. Es ist zwar durchaus möglich, dass wir eine postpartale Depression erleben können, aber nicht jede negative Emotion nach der Geburt bedeutet, dass wir depressiv sind. Die Mutterschaft ist eine Zeit, in der wir uns mit unserem neuen Leben als Mutter arrangieren müssen. Die Zeit, sich an diese neue Identität anzupassen, ist geprägt von viel Arbeit an sich selbst, Erfolgen und Misserfolgen. Manchen mag es leichter fallen, aber wir alle brauchen etwas Zeit, um die neue Person zu akzeptieren, die wir werden.

!! Wenn du dich nach den ersten zwei Wochen nach der Geburt besonders wütend, traurig und emotional erschöpft fühlst, sprich mit deiner Hebamme. Sie kann in Zusammenarbeit mit deinem Arzt abklären, ob du an einer echten Wochenbettdepression leidest. Auch wenn die Matrescence schwierig sein kann, sollte sie sich nicht lähmend anfühlen.

Die Ambivalenz (Push und Pull) als Gemeinsamkeiten der Matrescence bei anderen Müttern

Jede Frau macht andere Erfahrungen mit der Elternschaft. Es gibt so viele Unterschiede, wenn es um die Wahl der Geburt, die Persönlichkeiten der Kinder, den eigenen Körper und die Lebensumstände der Familie geht. Jede Geburt, jedes Kind, jede Familie ist einzigartig!

Alexandra Sacks, die ich oben schonmal erwähnt habe, hat aber in ihren Forschungen ein paar Gemeinsamkeiten zusammengetragen, die die Geburtserfahrungen vieler Mütter miteinander verbinden. (Artikel von Alexandra Sacks, “The Birth of a Mother”).

In meiner Fantasie war mein Mama-Sein immer positiv, leicht und natürlich intuitiv. OK, auch in meiner Fantasie gab es wenig Schlaf, aber trotzdem habe ich Positivität ausgestrahlt. Aber die Realität sah dann ganz anders aus! Und ich habe mich in den Feststellungen von Alexandra Sacks wiedergefunden.

Alexandra schreibt, dass eine der größten Gemeinsamkeiten, die in Bezug auf die Mutterschaft berichtet werden, das Gefühl der Ambivalenz ist. Anders beschrieben, als eine ständige Mischung aus guten und schlechten Gefühlen.

Mit dieser Ambivalenz werden alle Mütter irgendwann konfrontiert. Etwas, das ich oft denke und immer wieder von anderen Mamas höre, ist “Ich liebe mein Baby, aber…”.

  • “Ich liebe mein Baby, aber den ganzen Tag allein zu Hause fühle ich mich einsam!”
  • “Ich liebe mein Baby, aber ich möchte auch mal in Ruhe schlafen/essen/…!”
  • “Ich liebe mein Baby, aber ich wünsche mir Zeit für mich!”

Kommt dir bekannt vor? Ja. Bist du deswegen eine schlechte Mutter? Nein! Mit diesen Gedanken bist du nicht allein. Das Auf und Ab der Elternschaft ist unvermeidlich.

PULL: Auf der einen Seite sind wir mit unseren Babys zutiefst verbunden und sind durch die Hormone so eingestellt ihnen so viel Fürsorge und Aufmerksamkeit schenken, wie wir können.

PUSH: Auf der anderen Seite sind immer noch Erwachsene mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen, die in den Momenten der Fürsorge weg- und unterdrückt werden.

Mutterschaft ist also nicht nur schön und gut, aber auch nicht nur schlecht und düster.

Mutterschaft und Elternschaft kann und darf gleichzeitig gut UND schlecht sein!

Was bedeutet das nun für dich als werdende Mama?

Dir ist nun bekannt, dass es die Matrescence gibt. Damit hast du mir in meiner damaligen Schwangerschaft einiges voraus. Also nutze die Chance ehrlich in dich hineinzuhorchen, was deine Erwartungen an die erste Zeit mit Baby sind. Und wappne dich innerlich für die Momente, in denen alles völlig anders kommt, als du es dir vorgestellt hast.

Vielleicht sprichst du mit deinem Partner/deiner Partnerin darüber, wie ihr dann mit solchen Situationen umgehen wollt. Hauptsache ist, dass diese ambivalenten Gefühle kein Tabu sind!

Was bedeutet das nun für dich als Mama?

Wenn du dich in den Beschreibungen zu Matrescence wiedergefunden hast, dann hast du im Nachgang vielleicht endlich eine Erklärung für die ein oder andere Situation, für vergangene Entscheidungen oder entstandene Konflikte. Vielleicht hilft es dir im Nachhinein dich besser zu verstehen und dich mit dem ein oder anderen Gedanken auszusöhnen?

Ich bin jetzt jedenfalls gefesselt von diesem Thema und verspreche, dass das nicht der letzte Blogartikel zum Thema ist!

Claudia

PS: Du befindest dich gerade in deiner ganz persönlichen Matrescence, siehst aber aktuell keinen Ausweg? Dann melde dich bei mir, wir schauen dann gemeinsam hin!

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