“Bin ich mir selbst, meiner Haltung, meiner Prägungen, Grenzen und Potentiale bewusst, kann ich meinen eigenen Handlungsspielraum erweitern.

Dann kann ich mit neue gesetzten Impulsen die Reaktionen der anderen auf mich und mein Handeln beeinflussen.”

Claudia Kamprolf

Das ist meine Definition einer bewussten Elternschaft.
Ein passendes Sprichwort dazu sagt, man solle “erst einmal vor der eigenen Türe kehren”. Da ich andere direkt nicht beeinflussen kann, schaue ich erst einmal, was vor meiner Türe alles noch gekehrt und ins Reine gebracht werden könnte. Denn einen direkten Einfluss auf andere habe ich nicht. Ich kann nur durch verschiedene Handlungsmuster verschiedene Impulse setzen und schauen, ob sich in der Reaktion oder im Verhalten des Gegenübers etwas verändert.

Ein konkretes Beispiel: Wir wollen alle aus dem Haus. Mir fallen noch 100 Dinge ein, die ich eigentlich einpacken wollte. Mir fallen 100 weitere Dinge ein, die im Laufe des Ausflugs passieren könnten und für die ich noch vorsorgen könnte. Dann finden wir die Lieblingsschuhe nicht und andere dürfen es auf keinen Fall sein. In mir fängt es leicht an zu Brodeln, ich werde hektisch, das Kind unsicherer und weinerlich und wir bewegen uns auf eine Abwärts-Stress-Spirale zu.

Irgendwie bekomme ich das mit – und Atme durch. Es ist ein Ausflug, wir müssen nicht pünktlich sein. Wir haben Zeit. Wenn was fehlt, fahren wir nach Hause. Ich werde ruhiger und kann mich auf das besinnen, was mir wichtig ist. Ich gehe auf Augenhöhe mit meiner Tochter, schaue ihr in die Augen und sage: wir packen jetzt alles in Ruhe ein und dann steigen wir alle auf die Fahrräder und du kommst natürlich mit! Und siehe da, ich ernte ein Strahlen meiner 2jährigen. :-)

Zugegeben, das ist gar nicht so einfach und mir gelingt das auch nicht immer. Was mir aber ungemein hilft, ist meine Neugier. Ich möchte einfach wissen, warum ich in welchen Situationen wie reagiere, warum ich so und so handle und warum ich in manchmal auch einfach nicht anders kann, wenn mich mein Autopilot packt und in die falsche Richtung schickt. Das passiert mir, wenn ich außerhalb meiner Wohlfühlzone unterwegs bin. Egal ob ich einen neuen Job anfange, ich neu im Sportverein bin, gerade Mama geworden bin oder irgendwo pünktlich sein muss. Mit neuen und herausfordernden Situationen konfrontiert, komme ich schnell an meine Grenzen und wundere mich selbst über mein Verhalten.

Und so vertiefe ich mein Wissen über meine Glaubenssätze immer weiter, um diese Situationen im Autopiloten besser zu verstehen, zu entschärfen oder sogar ab und an mal zu verhindern.
Denn es sind genau diese Momente, die stressigen, die herausfordernden, die mich an meine Grenzen bringen, in denen mir eine friedvolle Elternschaft wie ich sie mir wünsche, nicht gelingt. In diesen Momente habe ich nicht unter Kontrolle, wie ich mit meinem Kind umgehe, kann also auch nicht sicherstellen, dass ich liebevoll und wertschätzend denke und handle.

Was ist in meinem Rucksack?
Meine Eltern haben mir wahnsinnige Freiheiten zugestanden und mich meine Autonomie voll ausleben lassen. Meine intrinsische Motivation Dinge zu bewegen hatte meist Raum. Wir Geschwister hatten einen großen Radius um das Haus, in dem wir uns mit anderen Nachbarskindern bewegen konnten. Uns wurde Verantwortung übertragen die wir stemmen konnten und das hat uns zu selbstbewussten Erwachsenen gemacht. All diese Dinge möchte ich meiner Tochter auch ermöglichen.

Leider bin ich auch aber ein Jahrgang, der das ein oder andere Mal so lange am Tisch saß, bis das Essen aufgegessen war. Meist hat aber doch meine Mutter nach einer Stunde Mitleid bekommen. Mein Dickkopf und der Ekel vor der roten Soße auf den Kartoffeln ist mir bis heute geblieben. ;-)

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann sind mir also nicht nur positive Eindrücke in Erinnerung. Ich habe sogar in einer Therapie eine traumatische Situation als Kind in der Klinik aufgearbeitet.

Aber in der Summe, riecht meine Kindheit ein bisschen nach Bullerbü und Drachensteigen auf dem Stoppelfeld und ein bisschen nach Schnüpperle und gemütlichem Weihnachten. ;-)

Meine Werte und der Flow
Ich würde mich in meiner eigenen friedvollen Elternschaft am liebsten nur auf meine Werte fokussieren und im Flow schwimmen. Werte oder Wertvorstellungen haben wir von unseren Eltern oder uns nahestehenden Bindungspersonen schon in unserer Kindheit übernommen. Werte sind erstrebenswerte, moralisch oder ethisch als gut befundene Wesensmerkmale. Aus bevorzugten Werten und Normen entstehen dann wiederum Denkmuster, Glaubenssätze und Handlungsmuster. Begriffe für Werte sind meist Substantive, die moralisch gut empfundene Eigenschaften verkörpern. Kann ich meine Werte leben, dann geht es mir gut. Kann ich meine Werte nicht leben, dann verursacht das Stress. Und am liebsten bin ich natürlich im Flow und lebe meine Werte optimal aus!

Weiß ich um meine Bedürfnisse und Werte, also den Kern meiner Beweggründe, weiß ich woraus ich Kraft ziehen kann und was mir Halt gibt. All das vermindert und verhindert Autopilot-Situationen die mit einer friedvollen Elternschaft nicht vereinbar sind. Ich brauche einen Wertekompass mit meinen Werten und die Vision, wie ich diese Werte im Sinne einer friedvollen Elternschaft mit Leben füllen kann.

Möchte ich also eine friedvolle Elternschaft die meiste Zeit im Flow leben, dann ist es ratsam sicherzustellen, dass ich auch in einer friedvollen Elternschaft meine Werte leben kann. Zwar sind viele Werte mit einer friedvollen Elternschaft direkt assoziiert wie z.B. Respekt, Vertrauen oder Menschlichkeit, aber das gilt nicht für alle Werte!

Zu Abstrakt? Verstehe ich. :-)
Ein Beispiel: Einer meiner persönlichen TOP Werte ist “Autonomie”. In der ersten Zeit mit Baby musste ich lernen, dass meine Unabhängigkeit doch sehr eingeschränkt war. Wie sehr ich darunter gelitten habe, habe ich erst später bemerkt. Hätte ich das eher gewusst! Doch im Sinne einer friedvollen Elternschaft ist es meine Verantwortung, dass ich diese negativen Gefühle weder an das Kind übertrage noch dass ich das Kind dafür verantwortlich mache. Denn meine kleine Tochter hat mir meiner Gefühlslage in diesem Moment überhaupt nichts zu tun!

Es liegt also in meiner Verantwortung für mich den Wert “Autonomie” zu erfüllen und zu leben, dass er im Sinne einer friedvollen Elternschaft ist. Und dazu gehört, dass wir uns früh für die Betreuung durch eine Tagesmutter entschieden haben, so dass ich mir in dieser Zeit eine Selbstständigkeit aufbauen kann. Meine Verantwortung ist es nun, meinen Bedürfnistank “Autonomie” dann zu füllen, wenn sich meine Tochter bei der Tagesmutter austobt, lecker isst und gemütlich schläft. So stelle ich sicher, dass ich wenn ich sie abhole, in meinem Flow bin.

Unsere Familienvision
Doch bin ich nicht alleine in dieser Familie, es zählen nicht nur meine Werte. Auch die Werte meines Partners und die meiner Tochter zählen. Und so müssen wir alle unsere Lieblingswerte in Einklang bringen und einen gemeinsamen Wertekompass oder Fixstern erarbeiten und kreiere.

Doch wie schaffe ich uns einen solchen Wertekompass? Ich nenne das Ergebnis eine Familienvision. Denn für die Familie ist es wichtig, dass alle Familienmitglieder ihre Werte und Bedürfnisse leben können. In meinem Workbook “Eure Familienvision – für die ganze Familie” leite ich euch durch den kompletten Prozess der Erarbeitung eurer Familienvision. Ich habe eine gängige Coaching-Methode so aufbereitet und erklärt, dass ihr sie zu zweit durchführen könnt, zu Hause, auf dem Sofa oder am Küchentisch. Egal, Hauptsache du oder ihr fühlt euch wohl. Sind schon ältere Kinder dabei, spricht nichts dagegen, diese ebenfalls mit einzubinden.

In Workbook beschreibe ich den Ablauf, was ihr vorbereiten könnt, was ihr benötigt und führe durch den Prozess, außerdem gebe ich euch als Anregung eine Liste von möglichen Werten mit. Wir schauen uns an, was euch im hier und jetzt Halt und gute Energie gibt. Und dann versuchen wir das ganze auf die Zukunft zu übertragen. Wie können wir den Werten, z.B. im Sinne einer friedvollen Elternschaft, Raum und Zeit geben?

Mein Fazit
Eine bewusste Elternschaft ist die Basis einer friedvollen Elternschaft
Kern meines Verständnisses einer friedvollen Elternschaft ist also nicht nur, dass ich mir vornehme meine Kinder mit Liebe, Respekt und auf Augenhöhe zu begleiten, sondern auch dafür zu sorgen, dass ich auch in stressigen Situationen bewusst bei mir bleiben kann und nicht dem Autopiloten ausgeliefert bin!

PS: Dieser Blogbeitrag entstand auf Anregung der Leuchtturm-Eltern und ihrer Aktion #blogparadeleuchtturmeltern2021 Was bedeutet eigentlich „friedvolle Elternschaft“? – Leuchtturm Eltern (leuchtturm-eltern.de)
Danke für eure Aktion, liebe Birthe und Verena!

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