Erschöpft oder im Mama- oder Papa-Flow?
Vater werden - Dein Weg zum Kind (Buchrezension)

Warum weint mein Baby, wenn ich es ablege?

Warum macht mein Baby immer dann, wenn ich gerade die Windel wechsle?

Warum weint mein Baby abends, wenn es eigentlich schlafen soll?

Viele Fragen dieser Art kann man ganz leicht beantworten, wenn man weiß, mit welchem „Betriebssystem“ unsere Babys auf die Welt kommen. Und ist die Antwort auf so eine Frage erst einmal gefunden, dann entspannt es meist die Situation und das ist die halbe Miete. Denn dann haben wir Verständnis geschaffen!

Ich muss zur Beantwortung der Fragen oben ein wenig ausholen.

Die Entwicklung des Menschen – die Evolution – ist sehr sehr langsam. Dass das Industriezeitalter hinter uns liegt, haben wir als Menschen mit unserer Biologie und Physiologie eigentlich noch nicht bemerkt. Wir Menschen und unsere Babys sind immernoch auf ein Leben in der Steinzeit „programmiert“ und angepasst.

Unsere Vorfahren gibt es seit mindestens 2,5 Millionen Jahren (eigentlich eher 4 Millionen Jahren). Wenn wir uns vorstellen, wie das Leben unserer Vorfahren noch vor 10.000 Jahren aussah, reisen wir nur ca. 0,4% unserer Menschheitsgeschichte zurück!

4 Millimeter auf einen Meter. Euer Arm bis zur gegenüberliegenden Schulter ist ungefähr einen Meter lang, wir sprechen jetzt – im Verhältnis – über die Breite der Schulternaht.

Also, vor 10.000 Jahren, wie haben unsere Vorfahren gelebt? Gab es damals schon Ackerbau und Viehzucht? In Europa nicht. Es gibt ersten Anzeichen von Sesshaftigkeit zwischen 7500 und 4000 v. Chr.

0,4% der Menschheitsgeschichte – 4 Millimeter – 10.000 Jahre zurückgeblickt, waren unsere Vorfahren Jäger und Sammler. Das bedeutet konkret, dass unsere Vorfahren von dem gelebt haben, was sie in der Natur gefunden haben. Es wurde keine Pflanze angebaut, es wurde auch keine Hütte zum Schlafen gebaut oder ähnliches erschaffen.

Und die Menschen waren erfolgreich, sonst hätten sie nicht überlebt und wir säßen heute nicht hier. 😉

Bild aus dem Neandertal-Museum. Es sind Neandertaler in einer Höhle um ein Feuer versammelt.

Unsere Vorfahren wussten also bis vor 0,4% der Menschheitsgeschichte – also bis zur Schulternaht – nicht, dass man Pflanzen anbauen oder Tiere züchten kann und wie man sich ein Zelt, geschweige denn ein Haus baut. Und sie lernten gerade erst Feuer zu machen!

Seitdem – also in den letzten 4 Millimetern – hat sich die Umgebung, in der wir Menschen leben rasant verändert. Vom Feuer „zähmen“ bis zum Smartphone. Und das erklärt, dass unsere Biologie dieser Entwicklung hinterherhinkt.

Wir Menschen haben das Bedürfnis nach Nahrung, Schlaf und Sicherheit, denn das sichert unser Überleben. Und diese Bedürfnisse haben sich in den letzten 10.000 Jahren nicht verändert. Und das fällt besonders da auf, wo das Leben anfängt: bei Schwangerschaft, Geburt und dem Umgang mit unseren Babys.

Wenn wir Babys beobachten, können wir ihr „Urprogramm“ noch sehr gut erkennen. Selbst die kleinsten Babys melden unerfüllte Bedürfnisse und melden damit, dass ihr Überleben auf dem Spiel stehen könnte. Wenn sie Hunger haben, wenn sie müde sind und wenn sie sich allein und unsicher fühlen.

Und damit sind Babys sehr kompetent, denn sie nutzen Strategien, um ihre Bindungspersonen dazu zu bringen, ihr Überleben zu sichern. Da sei das Kindchen-Schema genannt. Und sie können erst kleine Anzeichen senden wenn sie etwas brauchen. Erst wenn die ersten Anzeichen nicht beachtet werden, wird die letzte Alarmstufe aktiviert: Ein weinendes Baby fürchtet um sein Leben.

Unsere Steinzeitbabies möchten also ihr Überleben sichern. Sie sehen knuffig aus und sorgen so dafür, dass sich ein Erwachsener um sie kümmert. Sie melden, dass sie Hunger haben um nicht zu verhungern. Sie geben auch Signale, dass sie mal müssen. Denn wenn sie ihr „Nest“ beschmutzen, ziehen sie wilde Tiere an und bringen nicht nur sich, sondern auch ihre Bezugspersonen in Lebensgefahr! Und sie schlafen gerne an oder auf uns, denn zum einen bedeutet Nähe Sicherheit und zum anderen ist ein zu tiefer Schlaf gefährlich für ein Baby. Es besteht die Gefahr von Atemaussetzern und die Gefahr von Überhitzung oder Unterkühlung. Ein Erwachsenenkörper sorgt dafür, dass immer ein wenig Bewegung da ist und verhindert so das Absinken in einen Tiefschlaf. Zusätzlich kann der Erwachsenenkörper die Temperatur des Babys mit regulieren! (Äußerst praktisch im Sommer oder bei Fieber!)

Fazit: Steinzeitbabys wissen genau was sie wollen. Und wenn sie sich melden, dann haben sie einen guten Grund, also meist ein nicht erfülltes Bedürfnis.

Schauen wir uns die Fragen von oben noch mal an!

Warum schläft mein Baby nur an oder auf mir?

  • Die Nähe eines Erwachsenen gibt die Sicherheit, dass der Säbelzahntiger oder die Schlange erst einmal am Erwachsenen vorbei muss, bevor das Baby als Snack verfügbar ist.
  • Außerdem schlafen Babies gerne in der Trage im Laufen…erinnert es doch so schön an das Schaukeln in Mamas Bauch und gleichzeitig ist klar: ein Erwachsener passt auf mich auf!
Baby schläft auf dem Arm seines Vaters.

Warum weint mein Baby, wenn ich es ablege?

  • Kinderzimmer gibt es erst seit ein paar hundert Jahren, also ca. 0,2 Millimeter unserer Menschheitsgeschichte. Man kann sagen, sie sind daher nicht artgerecht. Ein Baby kann nicht wissen, dass es davor geschützt ist von wilden Tieren verspeist zu werden. Und selbst wenn ist es immernoch auf den Schutz vor zu tiefen Schlafphasen und die Co-Regulation angewiesen.
  • Außerdem kann das Baby auch nicht wissen, dass es dort auch gar nicht „alleine“ zurückgelassen wird. Die Vorstellung, was ein Babyfon leisten kann, passt nicht in die Steinzeit. Ein alleine liegendes Baby fühlt sich verlassen und damit den meisten seiner Überlebenschancen beraubt. Weint ein Baby wenn es sich verlassen fühlt, sprechen wir auch von Kontaktweinen.

Warum macht mein Baby immer dann, wenn ich gerade die Windel wechsle?

  • Das Babys versuchen ihr Nest nicht zu beschmutzen, habe ich oben schon erläutert. Babies haben schon die Fähigkeit „anzuhalten“ für eine gewisse Zeit. Sie laufen nicht einfach „aus“. Viele Eltern nutzen dies und halten ihre Babys regelmäßig über geeignete Schüsseln. Und das funktioniert erstaunlich gut! Abhalten heißt das im Deutschsprachigen Raum. Im Ausland spricht man auch von „Elimination Communication“ also Ausscheidungs-Kommunikation, da eine Voraussetzung sein kann, dass Eltern auf die Signale ihres Babys acht geben.

Warum weint mein Baby abends, wenn es eigentlich schlafen soll?

  • Menschenbabies haben es nicht leicht. Im Vergleich zu anderen Primaten kommen wir viel zu früh auf die Welt. Warum?
    • Der Aufrechter Gang des Homo Sapiens hat dafür gesorgt, dass unser Becken schmaler und die Beckenbodenmuskulatur stärker geworden ist, also der Geburtskanal enger geworden ist.
    • Gleichzeitig hat sich das Gehirn des Homo Sapiens immer weiterentwickelt und der Kopfumfang von Homo Sapiens Babys hat zugenommen.
    • Homo Sapiens Babys werden also nicht geboren wenn sie weit genug entwickelt sind, sondern „im letzten Moment“, bevor der Kopf nicht mehr durch das Becken passt, bzw. muss sich das Baby sogar zwei Mal drehen, damit es durch den Geburtskanal passt!
    • Und so sind unsere Babies allein nicht überlebensfähig und im Vergleich zu anderen Primaten wenig weit entwickelt (wenig sehen, nicht sprechen, nicht Körpertemperatur regulieren, nicht krabbeln oder laufen oder sich festhalten).
    • Sie sind auf die Eltern oder andere Bindungspersonen angewiesen, um zu überleben. Bis die Homo Sapiens Kinder sich selbst versorgen können, vergehen 16-22 Jahre. Die Eltern müssen viel Zeit, Energie und Kalorien investieren, bis der Nachwuchs auf eigenen Beinen steht. Daher nennt man sie die „kostspieligsten aller Primaten Babys“.
  • Auf jeden Fall sind unsere Babys noch sehr hilflos. In den ersten drei Monaten erfahren sie das erste Mal die Schwerkraft, Hunger, Kälte, Hitze, Müdigkeit, Licht, äußere Eindrücke, andere Menschen und und und. Das Leben so eines Neugeborenen ist stressiger, als es aussieht. Und daher müssen sie sich auch manchmal ihren Stress und ihre Sehnsucht nach dem warm-kuschelig-ruhigen Mama-Bauch von der Seele reden. Und da reden auch noch nicht geht, weinen Babys ihren Stress heraus.

Und? Hat sich das Verständnis welches du für dein Baby hast, verbessert? Kannst du dich besser in seine Lage hineinversetzen?

Hast du Fragen? Dann melde dich oder komm zu einem der offenen artgerecht®-Treffen, z.B. bei mir in Mettmann!

Claudia

(Quellen: Schmidt, Artgerecht, das andere Babybuch, Renz-Polster, Kinder verstehen)

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